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Lauterbach: Der Fall Angelo Hermann

Ein unveröffentlichter Bericht der taz.

Heide Platen

 Angelo stochert nicht im Essen. Er futtert. Bratwurst, Gemüseauflauf, Gurkensalat, der Nachtisch ist blitzschnell blitzsauber verputzt. dann raus in den Garten, da hat er für das weiße Kanienchen rund um das Gartenhaus ein Gehege gebaut. Ab in den Keller, in die Werkstatt. Da hat mustergültige Ordnung zu herrschen. Angelo repariert ein altes Mofa. Das muß die Treppe hoch in den Garten hinter dem Haus. Angelo lacht, freut sich. Das ist für Ella Hermann fast ein Wunder. Angelo ist wieder zu Hause. Die Blauaugen füllen sich mit Tränen. Ella Hermann hat eigentlich nicht so dicht am Wasser gebaut. Sie hat gekämpft, gegen Ämter, Behörden, Ärzte, Gutachten, Richter, Staatsanwälte, drei Jahre lang vergeblich, wähnte Angelo fast verloren, und gab nicht auf.

 Den Ausschlag für seine Heimkehr in das Einfamilienhaus an der Hauptstraße von Hutzdorf bei Schlitz am Rande des Vogelsberges hat Angelo dann selbst gegeben. Angelo ist im November abgehauen. Er hat sich zusammen mit zwei Freundinnnen die 180 Kilometer vom südhessischen Weiterstadt bis nach Hutzdorf durchgeschlagen. Vier Tage lang ist er unterwegs, ist hungrig, übermüdet, krank angekommen. Er steigt in sein eigenes Kinderzimmer ein, ißt, nimmt ein paar Sachen mit und verschwindet wieder. Kein Kinderstreich, sondern ein Akt reiner Verzweifelung. Angelo will nicht wieder zurück in seine Pflegefamilie, weil nicht in ein Heim abgeschoben werden. Lieber, hatte er gedroht, tut er sich etwas an. Angelo wird von der Polizei aufgegriffen.

 Angelo traut zu dieser Zeit auch seiner Mutter Ella Hermann nicht über den Weg. Er hat den Kontakt zu ihr gemieden, versucht, nicht an sie zu denken. "Ich habe das", sagt er heute, "völlig verdrängt". Er ist darin von den Pflegeeltern, von Mitarbeitern des Jugendamtes, von Psychologen unterstützt worden. Seine Mutter, hatte er gedacht, sei Schuld daran, daß er nicht mehr nach Hause dürfe, sie wolle ihn nicht mehr, habe ihn bei der Polizei angezeigt, den Freund der Schwester schon ins Gefängnis gebracht. Nichts davon, hat er nun erfahren, war wahr.

 Das Drama der Familie Hermann begann am 10. Januar 1998. An diesem Tag sind Kinder in das Hutzdorfer Dorfgemeinschaftshaus auf der anderen Straßenseite eingestiegen, habe Süßigkeiten und Getränke dezimiert.Angelo kommt spät nach Hause und erklärt eine Platzwunde am Kopf damit, daß er versucht habe, über das Garagendach in sein Zimmer zu klettern. Der Hausarzt versorgt ihn und verordnet Bettruhe. Als die Polizei am nächsten Morgen den Tatort gegenüber besichtigt, will er sich aus dem Staub machen. Seine Mutter verbietet ihm das. Sie vermutet, er sei dabeigewesen und habe Angst vor der Strafe bekommen. Angelo schmollt. Der Elfjährige ist kein einfaches Kind. Und er kann, was alle Kinder können: Erwachsene gegeneinander ausspielen. In diesem Fall sind es seine mit der Mutter zerstrittene, erwachsene Halbschwester und deren Freund. Zu denen fährt er mit dem Fahrrad, lügt, sagt ihnen, seine Mutter habe ihn geschlagen, er wollen bei ihnen bleiben.

 Und dann wird der Junge zum Opfer seiner eigenen Intrige. Polizei und Jugendamt werden von den streitenden Erwachsenen eingeschaltet. Der Konflikt eskaliert, die Behörden wirken nicht deeskalierend, sondern verschärfen den Streit der Parteien. Nur ein Ortspolizist und der Hausarzt versuchen vergeblich, den Selbstlauf zu stoppen. Angelo wird vom Jugendamt abgeholt und mit unbekanntem Ziel fortgebracht. Am 15. Januar 1998 wird Ella Hermann das Sorgerecht entzogen, Angelo in ein Heim eingewiesen, dann bei Pflegeeltern untergebracht. Der Mutter wird der Umgang mit dem Kind untersagt. Der lange Kampf beginnt und nimmt abstruse Formen an. Niemand interessiert sich dafür, was tatsächlich geschehen ist. Leumundszeugen setzen sich vergeblich für die Mutter ein. Sie wird diffamiert, ihr Kampf als Querulantentum denunziert. Ella Hermann, die in geordneten Verhältnissen lebt, eine patente, praktische Frau ist, gibt nicht auf. Der Arbeitgeber, die Kollegen, Freunde und Bekannte unterstützen sie.

 Und sie entdeckt, daß sie nicht die einzige ist, der im Vogelsbergkreis ihr Kind entzogen wurde. Rund 300 Kinder schätzt sie nach jahrelangen Recherchen, seien den Eltern in dieser Region in den letzten Jahren weggenommen worden. Ob zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt, aber die Zahl sei unverhältnismäßig hoch. Verantwortlich macht sie dafür vor allem eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Lauterbach (Anmerkung des  Beschwerdezentrum: Sozialarbeiterin Monika Beyer) und eine Amtsrichterin (Anmerkung des  Beschwerdezentrum: Richterin am Amtsgericht Lauterbach Frau Blasek). Ella Hermann nimmt Kontakt mit dem Berliner Horst Schmeil vom Bundesvorstand "Väteraufbruch für Kinder" auf.

 Ella Hermann ist immer noch erschüttert, daß ihr Sohn erst nach seiner Flucht erfahren hat, daß nicht sie die treibende Kraft für seine Verschleppung war, daß sie die ganze Zeit um ihn gekämpft hat. Auch das, so Hermann, habe sie sich bei einem neuen Termin vor dem Amtsgericht erstreiten müssen. Eigentlich hätte sie gar nicht dabei sein, mit Angelo nicht einmal reden dürfen. Sie redet dennoch, darf ihn endlich - für wenige Stunden - mit nach Hause nehmen. "Ich habe Dich nicht angezeigt", sagt sie ihm. Der Junge will sich selbst überzeugen. Er sichtet die Unterlagen, die mittlerweile Dutzende Ordner füllen, und stellt fest: "Die haben mich jahrelang belogen!" Danach weigert er sich, seine Mutter wieder zu verlassen. Ella Hermann sucht diesmal den Schutz der Öffentlichkeit. Angelo darf bleiben.

 Angelo ist heute 14 Jahre alt, ein Kindergesicht mit Zahnspange unter einer Schirmmütze einerseits. Andererseits ein ernster Junge, der kaum darüber redet, daß er gelitten hat, daß er sich von den Pflegeeltern lieblos behandelt fühlte, geohrfeigt, im Haus eingesperrt und oft alleingelassen wurde, sich einsam und vernachlässigt fühlte, die Schule aus Protest verweigerte, sich mit einem Tapetenmesser und Scherben selbst verletzte. Daß err oft Hunger hatte, weil "nichts gekocht wurde, nichts Richtiges jedenfalls", hat er erzählt. Ella Hermann kocht, Angelo futtert. Sie blinzelt die Tränen weg und sagt: "Das sind die Zwiebeln!" Angelo redet dann doch. Nein, er habe sich damals eigentlich nichts dabei gedacht, als er den Streit zwischen Mutter und Tochter provozierte: "ich wollte eigentlich nur eine Weile meine Ruhe haben": Ich habe nicht gewußt, daß ich für immer weg sollte." Jugendamtsmitarbeiter hätten ihn überredet, mit ihnen zu geben. "Die haben mir immer nur Mist erzählt!" Und: "Ich habe gedacht, meine Mutter will mich nicht mehr."

 Angelo schlendert davon. Er hat zu tun, muß für die Mofa-Prüfung lernen, muß in den Keller, eine Zündkerze einbauen. Daß er sein Kinderzimmer so vorgefunden hat, wie er es verließ, hat ihn gefreut. Da stehen seine selbstgebauten Flugzeugmodelle. Angelo hält Ordnung. Kaum zu glauben, daß die Pflegefamilie sich in einem Brief an die Mutter inzwischen über ihn beschwert hat: "Angelo hat viele Dinge nicht pfleglich behandelt u. zerstört."

 Veränderungen in seinem Kinderzimmer will Angelo vorerst nicht. Es soll alles so bleiben, wie es früher war. Mur die zu klein gewordenen Kleider sind verpackt und weggestellt. Wegwerfen darf Ella Hermann auch die nicht. Da hängen für ihn die Erinnerungen zwischen den Falten. Er hat die Sachen selbst mit aussortiert und genau gewußt, was er wann getragen hat, sich die verdrängten Erlebnisse seiner Kindheit dabei wieder angeeignet.

 Und noch ein anderer Karton steht im Abstellraum. Darin sind die Kleider, die ihm die Pflegefamilie inzwischen nachgeschickt hat. Ella Hermann präsentiert sie empört. Turnschuhe mit Löchern, zu kleine Unterwäsche, verschossene T-Shirts, zerschlissene Hosen. 3.900 Mark haben diese Leute, so Hermann, monatlich für Angelos Versorgung bekommen. Sie betreuten neben den eigenen Kindern auch noch ein zweites Kind, ein Mädchen. Dem, so Angelo, sei es dort noch schlechter gegangen als ihm.

 Es ist schwer für Ella Hermann, nach all den Aktivitäten, dem Rund-um-die-Uhr-Kampf, wieder zur Ruhe zu kommen. Die Rückübertragung des Sorgerechts ist seit Ende Februar rechtsgültig. Daß Angelo zurück sei, sagt sie, das sei das eine. Daß das nun aber alles gewesen sein soll, sang- und klanglos, ohne Entschuldigung, ohne Entschädigung für den Kummer, den finanziellen Aufwand von rund 60.000 Mark, will ihr nicht in den Kopf. Da sind ihrerseits noch eine ganze Reihe von Fragen, von Klagen und Strafanzeigen offen über fehlerhafte psychologische Gutachten, die unberechtigte Weitergabe von Akten, Beweisunterdrückung, Prozeßbetrug, Unterschlagung, Mißhandlung Schutzbefohlener. "Die haben mir", sagt Ella Hermann heute, "mein Kind fast kaputt gemacht."


 Allein im Vogelsbergkreis wird die Zahl der in den letzten drei Jahren in Heimen und bei Pflegefamilien untergebrachten Kinder derzeit auf 300 geschätzt. Das wäre, so Horst Schmeil vom Bundesvorstand "Väteraufbruch für Kinder", eine extrem hohe Zahl. Die Genfer Kinderrechtskonvention, die Kindern das Recht auf die eigene Familie sichern soll und von der Bundesrepublik nur teilweise anerkannt ist, habe, so Schmeil, an der Praxis der meisten Jugendämter, "von Ausnahmen abgesehen", nicht viel verändert. Noch immer werde zu viel, zu schnell und zu undifferenziert in Familienstrukturen eingegriffen. Die Tendenz ist bundesweit steigend. so sind die Zahlen z. B. in Baden-Württemberg von 1996 bis 1999 von 1524 auf 1802 gestiegen. Statistisch gesichertes Material erarbeitete die SPD im vergangenen Jahr für den benachbarten Bezirk Fulda. Die Antwort auf eine Kleine Anfrage an den Landkreistag bezifferte den Satz für rund 300 Kinder bei Unterbringung in Heimen und bei Pflegefamilien mit bis zu 15.000 Mark monatlich. Im Haushalt schlägt das mit jährlich fünf Millionen Mark zu Buche. Der Kindesrechtler und Diplom-Psychologe Prof. Wolfgang Klenner sieht im Fall Angelo Hermann grobe Fehler bei der Begutachtung des Kindes, die "zur Besorgnis Anlaß geben": "Bei seiner Verwendung als Entscheidungshilfe werden die menschlichen Konflikte ... zusätzlich verschärft".


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